Stromversorgung in Schwäbisch Gmünd

1878 entwickelte Edison eine Glühlampe, die in Massen produziert und vergleichsweise einfach installiert werden konnte. Kaum eine Erfindung verbreitete sich so schnell wie diese:

Am 1. Januar 1890 gab es in Deutschland bereits 2.590 Anlagen für elektrische Beleuchtung mit 33.900 Glühlampen und 21.000 Bogenlampen.

Kaum vier Jahre nach der Erfindung Edisons, am 27. Oktober 1882 leuchtete in Gmünd zum ersten Mal eine einsame Glühbirne auf. Dies passiert nicht in einem Privathaushalt, auch nicht in der stillen Stube eines Erfinders, sondern in der Erhardschen Fabrik, in der - wie so häufig - mit technischen Neuerungen experimentiert wurde.

9 Jahre später, 1891, bot „J. Erchinger, Schlosserei und elektro-technisches Geschäft“ nicht nur Glüh und Bogenlampen zum Verkauf an, sondern auch Dynamomaschinen zur individuellen Stromerzeugung, eine zentrale städtische Stromversorgung gab es noch nicht.

Aus diesem Grunde lud am 17.1.1897 der „Handels- und Gewerbeverein“ zu einem Vortrag ein. Ingenieur Beck von der Maschinenfabrik Esslingen sollte die Frage beantworten: „Ist für Gmünd die Errichtung eines Elektrizitätswerkes ein Bedürfnis, hat ein solches nach bisherigen Erfahrungen wohl Aussicht auf genügend Absatz?“ Dass vor allem die Edelmetallindustrie Interesse an diesem Thema hat, „wird als selbstverständlich angenommen“, „Tag für Tag erobert sich die Elektrizität und was sie hervorruft, neue Gebiete; ein Gemeinwesen wie Gmünd kann und darf nie Stille stehen!“

Lebhafte Diskussionen entfachten sich innerhalb der Gmünder Unternehmerschaft. Maßstab war, wie so häufig, Pforzheim. Für die einen war es die „Schwesterstadt“, für die Realistischeren die harte Konkurrenz. Es sei nun an der Zeit, argumentierte man, dass gegenüber der 3-4 mal größeren Pforzheimer Industrie aufgeholt werde. „Denn was für Pforzheim tauge, das tauge auch für Gmünd (lebhafte Zustimmung)“. Dort gab es 1898 bereits 159 Bijouteriefabriken, die an die Energieversorgung angeschlossen waren.

Die Errichtung eines Elektrizitätswerkes hatte produktionstechnischen und ökonomische Gründe. Die treibende Kraft war die Gesamtheit der Bijouteriefabrikanten. Dass auch die Bevölkerung einen Nutzen davon hatte, wurde als Argument benutzt, um die Zögernden zu gewinnen. Fabrikant Carl Köhler pries die Elektrifizierung sogar als „Kulturfortschritt“.

Der „Handels- und Gewerbeverein“ entwarf schließlich einen Fragebogen, der an die Geschäftsleute und Hausbesitzer verteilt wurde, um die Bedürfnislage zu klären. Das Resultat der Umfrage war zufrieden stellend für die Fabrikanten: 55 Firmen mit insgesamt 3000 Glühlampen und 1000 Pferdekräften.

Je mehr das Interesse der Industrie an einem Elektrizitätswerk wuchs, desto öfter war Lokalpatriotisches zu vernehmen. Um Unterstützung in der Sache aus der Öffentlichkeit zu bekommen, wurde der allgemeine Nutzen immer mehr in den Vordergrund gestellt. „im eigenen Interesse und im Interesse der Allgemeinheit“ sollten Hausbesitzer und Fabrikanten das Projekt befürworten: „...greife zu, mein lieber Freund und animiere auch andere zu gleichem Tun!“

Der Vergleich mit anderen Städten war durchaus wichtig. Nicht nur Pforzheim war das Maß, sondern -in diesem Falle- auch Schorndorf. Dort wurde nämlich die Stadtbeleuchtung „sofort von der Petroliumbeleuchtung zur elektrischen Anlage“ umgestellt: „Frühere Kettenzüge, heute Glühlicht, welch ein Unterschied.“

Am 29.08.1900 wurde schließlich im Gemeinderat ein Antrag angenommen, der besagt, dass die Stadt auf eigene Kosten ein E-Werk errichten und dann auf 15 Jahre verpachten werde. Als Standort wurde ein Platz neben dem Gaswerk in der Remsstraße vorgesehen. Dieser Platz war günstig. Er war direkt an der Bahnlinie und somit verkehrstechnisch gut gelegen. Dies war wichtig da man zur Stromerzeugung Kohlen benötigte, die mit der Eisenbahn transportiert wurden.

Das E-Werk musste mit Gasmotoren betrieben werden, da die Rems zum Turbinenantrieb nicht ausreichte. Der Bau und die 15 jährige Pacht wurde von der Maschinenfabrik Esslingen übernommen, die unter drei Firmen ausgewählt wurde, nicht zuletzt, weil sie württembergisch war.

Kurz ehe der Bau fertig gestellt wurde hielt Direktor Cox von der Maschinenfabrik Esslingen einen aufklärerischen Werbevortrag. Er sprach über „Kosten und Vorzüge elektrischer Einrichtungen“ und stellte vor allem die Rentabilität von E-Motoren im Vergleich zu den seit Mitte der 80iger Jahre gebräuchlichen Gasmotoren dar:

„Der Stromverbrauch reguliert sich nach dem Kraftverbrauch automatisch und zwar proportional, während ein Gasmotor mit ½ Belastung ¾ Verbrauch an Gas beansprucht... Ein E-Motor beansprucht äußerst wenig Platz, Maschinen zu 10 Pferdekraft 1qm und geringe Wachsamkeit.“

Die schwächeren und kleineren E-Motoren waren nützlicher für die Bijouterie-Industrie. Allerdings verfolgte die Maschinenfabrik Esslingen ein bestimmtes Interesse: Sie produzierte nicht nur den Strom, sondern verkaufte auch die E-Motoren.

Immer wieder wurde von allen Seiten betont, dass nicht nur die Industrie Vorteile hätte, dass Strom Fortschritt, Kultur und vor allem eine Erleichterung des Alltagslebens bedeuten würde. So versuchte auch Direktor Cox plastisch zu verdeutlichen, was Elektrifizierung überhaupt bedeutet:

„...der Hahn wird gedreht und die Flamme brennt; kein Zündholz nötig. Wie angenehm ist es abends beim Nachhausekommen, wenn durch leichten Druck im Hausgang, die Treppe, das Schlafzimmer erhellt wird.“

Nicht an die Fabrikanten, die das E-Werk initiiert hatten, sondern an diejenige waren die Worte gerichtet, die sich an technischen Innovationen höchstens am Arbeitsplatz in der Fabrik, aber selten zu Hause erfreuen konnten. Diese werden es auch gewesen sein, die am 11. Dezember 1901 vor Josef Rettenmayers Laden auf dem Marktplatz standen, um zu bestaunen, „welch schöne Farbenwirkung mit dem elektrischen Licht erzielt werden kann.“

Das E-Werk wurde im Dezember 1901 in Betrieb genommen. Darüber berichtete die Remszeitung 21.11.1901: „Es ist ein aus Backsteinen ausgeführter Bau auf dem städtischen Platz zwischen den Häusern der Honiggasse und der neuen Wolterschen Fabrik in der Remsstraße. In der geräumigen Haupthalle stehen zwei mächtige Gasmotoren und ebensoviel große Dynamomaschinen. Ferner befinden sich daselbst die Zusatz- und Ausgleichs- Dynamos und eine marmorne Schalttafel. Auf einer kleinen eisernen Wendeltreppe gelangt man zu der Akkumulatorenbatterie im ersten Stock, welcher auch die Wohnungen für die Maschinenmeister und Heizer enthält. Außerdem befinden sich in dem Gebäude zwei Büros, ein Magazin und eine Werkstatt. Im Erdgeschoss hat eine Luftpumpe zum Anlassen der Gasmotoren Aufstellung gefunden...“

Die Elektrifizierung ist nicht nur dem unternehmerischen Kalkül zu Gute gekommen sondern stärkte das Selbstverständnis der Bevölkerung in dem Bewusstsein, nicht in der Rückständigkeit zu leben, nicht einmal gegenüber Pforzheim, und dies jeden Abend spürbar, sobald man „nur leicht den Schalter drückte.“

Somit fand in Gmünd in den Jahren 1898-1901 durch die Inbetriebnahme des Wasser- und des E-Werkes ein ähnlich erfolgreicher „Innovationsschub“ statt, wie im Jahre 1861, als in einem Jahr die Eisenbahn und das Gaswerk eröffnet worden war.

Die Devise des „Handels- und Gewerbevereins“ hatte sich bewahrheitet: „Mehr Licht, mehr Krafterzeugung (Bravo)“. 

Quelle: Gmünder Geschichtsblätter, April 1984